Das Märchen von den Fantasiezinsen der Kaupthing Bank

19. März 2010

Vorspann

Immer wieder wurde und wird Kaupthing als Beispiel für die Finanzregel ,,Hohe Zinsen = Hohes Risiko“ herangezogen. Beispielhaft ist der (ansonsten recht gute) kürzlich erschienene Artikel der FTD, in dem es wie folgt heißt:

Knapp eineinhalb Jahre ist es her, dass die isländische Kaupthing Bank pleiteging. Zehntausende deutsche Kunden kamen monatelang nicht an ihr Erspartes, die Lehre schien eindeutig: Hohe Zinsen (Kaupthing bot noch am Tag vor dem Untergang 5,65 Prozent aufs Tagesgeld) bedeuten auch hohes Risiko.

Es wird also mal wieder unterstellt, dass man das Risiko allein aus dem Zinsangebot hätte ablesen können, da es angeblich so deutlich viel besser als andere Neukundenangebote gewesen sein soll. Dass das Beispiel Kaupthing schlecht gewählt ist und nichts mit der Realität zu tun hat, wollen wir in 5 Akten ein für allemal klarstellen und mit Beweisen unterlegen.

1. Akt: Februar/März 2008

a) Kaupthing: 4,8% bis zum 01. Januar 2009.

b) Volkswagen Bank (über Lidl): 4,8% bis 20.000 €. Comdirect (Commerzbank-Direktbank-Tochter) 4,75%

2. Akt: Sommer 2008

a) Kaupthing ab April 2008: 5,65% (Basiszinssatz von 5,1% bis zum 01.01.2009 und 0,55% Bonuszinssatz für 6 Monate)

b) Comdirect (Tchibo): 5,55% bis 10.000 €

3. Akt: Oktober 2008

(Lehman ist pleite, Finanzkrise eskaliert zunehmend)

a) Kaupthing: Pleite

b) Deutsche Bank: 5,25% auf einjähriges Festgeld für Einlagen zwischen 2500 und 100.000 €. BMW-Bank: Zinsanhebung Festgeld auf 5,00 bis 5,40% für Einlagen ab 25.000 €. DAB bank (HypoVereinsbank-Tochter): 5,5% für 6 Monate auf Tagesgeld bis 30.000 €

c) Marktüberblick Tagesgeld am 09.10.2008 (Tag der Kontenschließung bei Kaupthing): DAB bank 5,5%, netbank (Tochtergesellschaft der sparkasseneigenen Landesbank Berlin) 5,10%, 1822direkt (Tochtergesellschaft der Frankfurter Sparkasse), ING-DiBa 5%, comdirect 5%

4. Akt: Dezember 2008

a) Kaupthing: Warten

b) DAB bank 5,5%, GE Money Bank 5,5%, Audi Bank 5%, CortalConsors 5%, ING-DiBa 5%, Volkswagen Bank 5%

5. Akt: Winter/Frühjahr 2009

( – bisheriger? – Höhepunkt der Finanzkrise: Lehman ist Pleite, isl. Banken sind pleite,  Börse im freien Fall, Interbankenzins gegenüber 2008 von 4-4,5% mehr als halbiert!!)

a) Kaupthing: Warten

b) Mercedes-Bank: Immer noch 4,5 % auf Tagesgeld und 5,4% Zinsen auf Festgeld

Nachspann

  • Jetzt mögen die Ewigklugen sagen: Ja, aber bei Kaupthing war das Angebot ein wenig besser als bei den genannten Wettbewerbern. Richtig, kann man da nur sagen! Denn eine Bank, die vollständig unbekannt ist, muss eben ein wenig bessere Konditionen bieten, als die ,,normalen“ Marketing-Neukundenangebote. Die Ewigklugen mögen sagen: Ja, aber bei den anderen Banken galt der Zinssatz nur für Einlagen bis 20.000 € oder 30.000 €, bei Kaupthing dagegen unbegrenzt. Da kann man nur sagen: Ja, das ist 1.  neben dem Zehntelprozentpunkt genau der kleine Unterschied zu anderen Angeboten (s.o.) und 2. für 90% der Zielgruppe überhaupt nicht relevant gewesen (dieser Teil der Sparer lag nämlich unter der Sicherungsgrenze, der Durchschnittsanlagebetrag lag bei 10.000 €). Und zu guter Letzt: Durch die beschränkte Einlagensicherung auf 20.887 € lag faktisch eine ,,Summen-Bremse“ für die Sparer vor. Außerdem bot Kaupthing nur jährliche Zinsgutschrift, zahlreiche der anderen Angebote dagegen monatliche Zinsgutschrift, weshalb Kaupthing in diesem Bereich sogar schlechter war als die o.g. Neukundenangebote deutscher Banken.
  • Fakt ist jedenfalls: Die Angebote sind vergleichbar. Auch das Kaupthing-Angebot hatte wie die anderen Neukundenangebote Haken und Ösen (Beschränkung einerseits auf 6 Monate und andererseits bis zum 01.01.09, nur jährliche Zinsgutschrift, begrenzte Höhe der Einlagensicherung). Und keiner hat auch nur bei einem der genannten anderen 5 – 5,5% Tages- oder Festgeldangeboten allein aufgrund des Zinssatzes oder der Einschränkungen pauschal von einem ,,hohen Risiko“ gesprochen, obwohl dies gerade im 3., 4. und 5. Akt durchaus nahe gelegen hätte.  Fakt ist auch: Aus dem Angebot und insbesondere dem Zinssatz allein ließ sich kein übertriebenes Risiko zu den anderen Wettbewerbern ableiten, denn 4,8% und 5,65% lagen durchaus im Rahmen des Üblichen für Neukundenangebote im Jahr 2008.
  • Und wenn es dann heißt: Ja, aber vor Kaupthing wurde doch gewarnt, kann man nur sagen. Richtig, aber die meisten dieser Warnungen rieten nur dazu, die Sicherungsgrenze einzuhalten. Das sah dann meistens SO aus. D.h. die isländische Einlagensicherung wurde nur von ein bis zwei Artikeln in Frage gestellt (und man kann nicht alles lesen). Außerdem gab es mindestens genauso viele Empfehlungen (z.B. in ARD Ratgeber Geld, Capital, Guter Rat oder auf der WiSo-Homepage), insbesondere wegen der nach EU-Recht garantierten Sicherung bis 20.887 € (die letztlich ja auch mittelbar gegriffen hat, wie der Rückzahlungsprozess gezeigt hat). Und man sollte nicht vergessen, dass es bei in Deutschland angebotenem Tages- und Festgeld seit 1931 keine Probleme mehr gegeben hat.
  • Und zu guter Letzt: Kaupthing machte auch während der Finanzkrise im Jahr 2008 noch Gewinn und wurde von den Rating-Agenturen bis zum Tag der Kontenschließung mit gutem A bewertet. Sollen Sparer nun schlauer sein als institutionelle Anleger, die den ganzen Tag nichts anderes machen als Geld anzulegen? Auch diese haben in Massen ihr Geld bei Kaupthing angelegt, zum Großteil sogar in ungesicherte Anleihen, und haben nun im Gegensatz zu uns Sparern ein ,,echtes“ Problem wie die Forderungen zeigen. Denn warum wurden nochmal Banken wie die Commerzbank im Winter 2008/2009 vor der Pleite gerettet? Eben. Darum.
  • Und wenn die Ewigklugen immer noch ,,Ja, aber…“ rufen, sollte man nur noch den ehemaligen Bundesfinanzminister Peer Steinbrück in der Sendung ,,Beckmann” vom 27.10.2008 zitieren:

Ich hätte Ihnen vor vier, fünf Wochen die isländische Situation, also eines drohenden Staatsbankrotts nicht voraussagen können. Übrigens nicht nur ich, sondern auch viele andere auch. Und das muss man dem Publikum auch sagen, damit es sich nicht hinters Licht geführt fühlt. […] Die 5,5% [der Kaupthing Bankniederlassung Deutschland] sind ja vergleichbar mit der Verzinsung auch von deutschen Kreditinstituten.

8 Reaktionen zu “Das Märchen von den Fantasiezinsen der Kaupthing Bank”

  1. Lehaneam 19. März 2010 um 15:29 Uhr

    Hi Jan,
    ganz große Klasse. Das möchte ich gerne in den Medien gedruckt sehen. Werde den Link mal favorisieren, damit er immer parat ist.

    Kann man den Artikel nicht anbieten? Dann hätten die Medien endlich mal ne vernünftig recherschierte Vorlage.

    LG Lehane

  2. Lehaneam 19. März 2010 um 15:55 Uhr

    Das möchte ich auch noch erwähnen.
    Die FTD hat, allgemein gesehen, recht. Es hat pendelt sich wieder alles ein, wie es war. Von Seiten der Banken sowie der Anleger. Und Deutschland scheint ein guter Markt zu sein. Es liegt schon an den Anlegern, ob ein Produkt angenommen wird oder nicht.

    Wir werden wohl damit leben müssen, als Beispiel herhalten zu müssen. Es gibt kein anderes!!!!! Daher sollten wir das nicht persönlich nehmen.

    PS: Willste viele Leute haben zur einer trockenen Veranstaltung, dann biete ein opulentes Menü. Sonst sitzt der Vorstand alleine da.

  3. tobomiram 19. März 2010 um 22:31 Uhr

    Vielen Dank für die ausführliche Zusammenstellung! Und es ist, auch wenn die ganze Sache ausgestanden ist, beruhigend schwarz auf weiss belegt zu sehen, was man eigentlich schon die ganze Zeit gewusst hat: In der Diskussion wird von manchen Leuten einfach vergessen, dass das allgemeine Zinsniveau bei Tagesgeld wesentlich höher war. Kaupthing Edge hatte nun mal das beste Angebot für Neukunden mit Anlagen unter 20.000 Euro. Damals hätten die Zinssätze von heute, die nun bei der maximal der Hälfte liegen nur ein müdes Lächeln hervorgerufen.

    Leute, wir sind echt gut davon gekommen. Das war eine Zeit…
    tobo

  4. Janam 20. März 2010 um 15:51 Uhr

    Hallo Lehane, hallo tobo,

    das freut mich. Da solche Berichte immer noch vorkommen, wollte ich das jetzt noch einmal ein für allemal zusammen fassen. Dann kann man bei entsprechenden Medienberichten gleich mit dem Link antworten. Wir können auch Standard. 🙂

    @Lehane: Ich finde es zwar nicht in Ordnung, wenn viele immer noch voneinander abschreiben, dass wir die Deppen der Nation sind. Aber das ist eine plausible Erklärung, die du da lieferst, damit kann ich gut leben. Außerdem ist die ,,Zocker-und-Risiko-Geschichte“ seit den Berichten im Oktober/November 2008 bei der Mehrheit der Leser so in den Köpfen drin, dass man gleich den von dir genannten Aufhänger hat.

    @tobo: Du sagst es. Schönes Schlusswort.

    Viele Grüße und noch ein schönes Wochenende allseits.
    Jan

  5. Nathalieam 20. März 2010 um 18:08 Uhr

    @Lehane

    Ja, das würde ich auch gerne mal sehen.

    Dieser Artikel von Jan entstand „dank“ der Korrespondenz mit einem Mitarbeiter der FTD.

    Leider war der Herr, mit dem ich Kontakt hatte, nicht meiner Meinung, konnte oder wollte mich nicht verstehen
    und nach 8 Mails war seine letzte Aussage:

    Liebe frau ender,[…] mir ist die zeit nur zu schade, wenn ich das gefühl habe, dass mein gesprächspartner stets belege dafür sucht, dass er recht hat und alles richtig macht. So wie unsere konversation begann, hört sie auch auf: das kaupthing angebot war in ordnung, nicht riskant bzw. für sie natürlich nicht als riskant zu erkennen und marktgerecht. Wenn überhaupt, sind hier alle möglichen menschen und institutionen mitverantwortlich. […] Gebe zu: da ärgert mich die zeit wirklich, die ich investiert habe bei einer derart selbstgerechten haltung.

    Tja, man kann schreiben bzw. sagen was man möchte, Einige werden es nie verstehen wollen.

  6. Lehaneam 20. März 2010 um 20:50 Uhr

    Ganz kurz:
    Ich kann auch damit leben. Nur, wenn behauptet wird, der Steuerzahler wäre für unsere Einlagen-Rückzahlung zur Kasse gebeten worden, dann könnte ich auf die Palme gehen.

    Das wir den Link dann verwenden dürfen, finde ich super.

  7. Janam 21. März 2010 um 15:06 Uhr

    Das stimmt, diese Behauptung ist noch ärgerlicher, denn die ist komplett falsch.

    Zu diesem Unsinn steht zwar im Artikel oben nichts, aber auch da kann ich mit Links helfen:

    Februar 2009 (zitiert nach Hamburger Abendblatt)

    Die zusammengebrochene isländische Kaupthing-Bank will in Deutschland eingefrorene Guthaben dortiger Kunden schnell auszahlen. Wie der staatliche eingesetzte Zwangsverwalter Olafur Gardarsson bei einer Gläubigerversammlung in Reykjavik mitteilte, verfüge Kaupthing derzeit schon über 80 Prozent der nötigen 330 Millionen Euro. Man hoffe auch auf eine Lösung bei der Freigabe von noch offenen 55 Millionen Euro, die von der DZ Bank, dem Zentralinstitut der Volks- und Raiffeisenbanken in Frankfurt, festgehalten würden.

    Insgesamt rund 30 000 deutsche Anleger bei Kaupthing müssen seit über drei Monaten auf die Freigabe ihrer Einlagen warten. Bei der Gläubigerversammlung hieß es, die Bank wolle mit Blick auf die zur Verfügung stehenden Mittel „so schnell wie möglich“ in Absprache mit der deutschen Bankaufsicht Bafin mit den Auszahlungen beginnen.

    Juni 2009 (zitiert nach Kaupthing-Pressemitteilung)

    Die Rückzahlung der Kaupthing Edge Einlagen in Deutschland hat begonnen. Die Kaupthing Bank hat ein deutsches Finanzinstitut damit beauftragt, die Einlagen von rund 20.000 Kunden zurückzuzahlen.

    Der Rückzahlungsprozess wird über die nächsten Tage andauern und es ist davon auszugehen, dass innerhalb der nächsten Wochen die Rückzahlung der Einlagen der rund 34.000 Kaupthing Edge Kunden in Deutschland abgeschlossen werden kann.

    Mitte April hat die Kaupthing Bank bekannt gegeben, dass die Bank über ausreichende finanzielle Mittel verfügt, um die Rückzahlung aller Einlagen der deutschen Kaupthing Edge Kunden zu gewährleisten.

    Mitte Mai war die Bank soweit, den Rückzahlungsprozess einzuleiten[…]

  8. Lehaneam 21. März 2010 um 19:27 Uhr

    Wollen wir hoffen, das wir die Links nicht so oft anwenden müssen.
    Gerade bei dem Steuerzahlermärchen werden ja meist die Dummneider angesprochen, genau die, die in Kantinengespächen Solzialleistungen neiden. Waren mir noch nie sympatisch.
    Zumal es genug Unsinniges gibt wofür Staat und Kommunen Steuergeld rauswerfen.

    Wie heiß es so schön „Geld macht frei“. Es gibt aber zu Viele, die neiden Anderen die Unfreiheit.

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