Brief eines Mitstreiters

17. Oktober 2008

Sehr geehrter Herr Schwarz,

ich bin ganz frisch auf Ihre „Betroffenen-Seite“ gelangt und finde sie
ausgesprochen gut! Als kleine Unterstützung möchte ich Ihnen meine soeben
versendete „Lesermail“ an Platow zur Kenntnis geben:

Kaupthing Bank und die Gier des Sparers. Wer erinnert sich nicht an die
beliebten Rankings der Banken mit den höchsten Festgeldzinsen? Die
isländische Kaupthing Bank war stets weit vorn dabei und
„Festgeldzinsjäger“, die den Hals nicht voll kriegen konnten, vertrauten ihr
hohe Beträge an. Jetzt sollen sie alle entschädigt werden. Warum eigentlich,
wo es zurzeit doch überaus populär ist, gierige Bankmanager in TV-Talks
abzustrafen?

Sehr geehrter Herr Frank,

sehr geehrter Herr Dede,

sehr geehrter Herr Stilz,

Ihre oben zitierten Einlassungen in Ihrem letzten Platow Brief haben mich
persönlich zutiefst getroffen, da auch ich Kunde der Kaupthing Bank bin.
Ihre Gleichsetzung der drohenden Enteignung von Festgeldkunden und den
Talkshow-Diskussionen über Bankvorstände empfinde ich als Frechheit und
möchte dazu wie folgt Stellung nehmen:

1. Die Kaupthing Bank war bis zur ihrer Schließung mit einem „Investment
Grade“-Rating ausgestattet, zum Zeitpunkt meiner
„Risikoinvestitions-Entscheidung“ gar mit einem A-Rating. Ich habe dabei
weder in (klassischer Weise vom Ausfall bedrohte) Aktien noch in Anleihen
oder Zertifikate der Kaupthing Bank investiert, sondern ein Tagesgeld-Konto
geführt, geschützt durch eine Einlagensicherung des isländischen Staates.
Wollen Sie die Risikoklasse dieser Anlage ernsthaft mit den undurchsichtig
strukturierten CDS- und ABS-Produkten einer IKB oder HRE gleich setzen, die
sowohl einem Emittenten- wie einem Kontrahenten- als auch einem
Marktpreisrisiko ausgesetzt sind?

2. Meine „Gier“ bezog sich auf eine bis Jahresende zu erzielende
Zinssumme von rd. 500,- EUR; meine „Zinsjagd“ beschränkte sich auf eine
Investition in Höhe eines Drittels meines „Brutto-Jahresumsatzes“ und betrug
etwa ein Viertel meines „Eigenkapitals“. Würde Ihrer Meinung nach eine
einzige Bank ein Problem haben, wenn sie sich auf solche Summen bei der
Investition in die o.g. „Anlageklassen“ beschränkt hätte?

3. 30.000 Kunden haben geschätzte 300 Millionen EUR Einlagen bei der
deutschen Niederlassung der Kaupthing Bank „riskiert“. Die
durchschnittliche, von Ihnen als „hohe Beiträge“ titulierte Anlagesumme
beträgt somit 10.000 EUR. Welche Bank wäre nach Ihrer Einschätzung wohl von
einer solchen Gesamt-„Risikohöhe“ in Schwierigkeiten geraten?

4. Ich habe – wie vermutlich alle anderen deutschen
Kaupthing-Tagesgeld-Anleger – ausschließlich mein Privatvermögen investiert;
Untergebene werden von meiner Anlage-Entscheidung nicht negativ betroffen
sein. Wie bei mir ist bei den meisten Kaupthing Bank-Anlegern wohl davon
auszugehen, dass die Anlagesumme einen erheblichen Anteil ihrer Rücklagen
darstellt, von dessen Verlust sie empfindlich getroffen würden. In welcher
Ihnen bekannten deutschen Bank stehen Vorstände derzeit mit ihrem Vermögen
für die von ihnen erwirtschafteten Verluste ein?

5. Ein kleines Zahlenspiel zum Schluss: Der Durchschnittsbetrag aller
deutschen Kaupthing Bank-Kunden beträgt rund 0,0000015% des nun aufgesetzten
700 Mrd.-Hilfsfonds der deutschen Bundesregierung. Die Gesamtsumme der
deutschen Kaupthing-Tagesgeld-Einlagen würden einen Anteil von 0,007% des
Gesamtfonds ausmachen. Wir wollen gespannt sein, welcher Bankvorstand den
Hilfsfonds für derartige „Peanuts“ in Anspruch nehmen wird…
Ich war bisher ein recht geneigter Leser Ihrer Publikationen. Nun frage ich
mich jedoch, ob die dauerhafte Beschäftigung mit „Big Business“,
hochkomplexen Derivate-Konstruktionen, undurchsichtigen Emerging (und
sonstigen) Markets und dem dazugehörigen „großen Geld“ zwangsläufig zum
Verlust der Fähigkeit führt, sich in den „kleinen Mann“ hineinversetzen zu
können. Oder ob ein „Plan“ hinter Ihren zitierten Sätzen steht – schließlich
ist davon auszugehen, dass auf Grund der Kürze Ihrer Platow-Briefe jede
Zeile wertvoll ist und keine Bemerkung ohne Bedacht veröffentlicht wird.

Mit freundlichen Grüßen

R. K., Bischofsheim

3 Reaktionen zu “Brief eines Mitstreiters”

  1. joday1am 17. Oktober 2008 um 14:45 Uhr

    klasse, applaus!!!!!!!!!den artikel gleich mit anheften an den pressebericht und an alle offizielen erdenklichen stellen!!!!!vielen dank herr bischofsheim, diese darlegung trifft genau den kern.wir in deutschland sind ja nicht die einzigsten „gierhälse“ und die dummen, es hat ja auch andere staaten getroffen und soviel dumme kann es doch gar nicht geben , alle haben sich täuschen lassen!!

  2. screaperam 17. Oktober 2008 um 14:48 Uhr

    TOP!

  3. magenschmerzam 17. Oktober 2008 um 17:33 Uhr

    ich kann nur sagen: super gemacht und sachlich korrekt.
    Danke, danke, danke…..

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