Printausgabe Handelsblatt Finanzzeitung 30.10.2008

30. Oktober 2008

„Man fühlt sich völlig machtlos"GERTRUD A. HUSSLA | KÖLN/BONN
Seinen Laptop hat Alex immer parat. Auch hier im Selbstbedienungscafé am Kölner Hohenzollernring, das er so schätzt, weil er dort bei einer einzigen Tasse Kaffee stundenlang arbeiten kann. „Kaupthing, Island". Die Suchmaschine findet auch heute nicht das, was er dringend erhofft: Gute Nachrichten über sein Festgeldkonto. 20 500 Euro hat Alex dort liegen, Geld, das der 34-Jährige sich während seiner Zeit als Selbstständiger zur Seite gelegt hat, um noch einmal Kommunikationsdesign zu studieren. Das Geld ist eingefroren, seit Kaupthing in Zahlungsschwierigkeiten geraten ist – genauer: seit dem 9. Oktober.

Alex – Nickelbrille, Turnschuhe, Sportjacke, grauer Rolli, Kurzhaarfrisur – möchte ob der Summe nicht mit vollem Namen in der Zeitung stehen. Er steckt ungefähr sechzig Stunden Arbeit pro Woche in sein Studium, zahlt aus eigener Tasche 350 Euro Studiengebühr monatlich. „Nächsten Monat komme ich noch über die Runden", sagt er „danach wird es eng." Sollte er das Geld nicht mehr zur Verfügung haben, wäre das eine Katastrophe.
Alex ist einer von 30 000 Deutschen, die nicht mehr an ihr Erspartes kommen, weil sie es bei Kaupthing geparkt haben. Der isländischen Bank, die auf allen einschlägigen Verbraucherseiten über Monate Testsieger war. Weil sie äußerst attraktive Zinsen bot und auf den isländischen Einlagensicherungsfonds verwies. „Eine starke Mutter", so hieß es auf der Webseite der deutschen Direkt-Tochter Kaupthing-Edge. Als sich andeutete, dass auch isländische Banken in den Sog der Finanzkrise geraten, begannen deutsche Kunden massiv Geld abzuziehen. Die Finanzaufsicht BaFin fror am 9. Oktober die Konten ein, um den ungeordneten Run auf die Bank zu stoppen. Seither herrscht Funkstille, Man sei in Verhandlungen, heißt es beim Finanzministerium seit Wochen.

Alex hatte es am 8. Oktober geahnt. Auch er zog nachts noch schnell sein Geld ab, bekam die Bestätigung für die Transaktion. Doch auf seinem Girokonto landete das Geld für das restliche Studium nicht mehr. Andere haben es erst später gemerkt. Jens Kurznack zum Beispiel. Der 36-jährige Etatdirektor einer Startup-Werbeagentur in Köln-Ehrenfeld interessiert sich wenig für Geldanlagen. Erst eine Bank, die als Kunde eine Kampagne für Festgeld-Zinsen wünschte, brachte ihn auf die Idee, die Ersparnisse der letzten beiden Jahre vom Girokonto auf ein Festgeldkonto zu transferieren.

Ein Freund empfahl Kaupthing, Island sei wie die Schweiz von Skandinavien. „Tagesgeld ist in Zeiten unsicherer Börsen zu einer attraktiven und risikolosen Anlage geworden", stand auf der Webseite. Ende September, gerade zwei Wochen vor dem Ende, wurde Kurznack aktiv. „Es war eine Aktion von 20 Minuten. Dann war das Geld bei den Isländern." Am 11. Oktober erfuhr er von einer Kollegin in der Zigarettenpause, dass Island nahe am Bankrott sei. „Ich versuchte mein Konto aufzurufen, es war schon gesperrt."

Erst da habe er begonnen zu recherchieren. „Da fiel mir erst mal auf, wie klein Island überhaupt ist. 320 000 Einwohner, das ist vielleicht ein Stadtteil von Köln." Die Kaupthing-Bank habe wahrscheinlich deutlich weniger Angestellte, als die Kölner Stadtsparkasse. „Das ist ein total lächerliches Land." Die hätten keine Bodenschätze, nur Fischerei und ein bisschen Tourismus und hätten sich sehr geschickt weltweit Geld geliehen. „Einige haben dort wohl den Hals nicht voll genug kriegen können." Jetzt sei da wohl nichts mehr zu holen. Kurznack hatte das weggesperrte Geld – 6 000 Euro – gespart, um mit seiner Frau aus einer Dachwohnung in eine größere, nachwuchsfreundliche Wohnung zu ziehen. Das Objekt mit Garten war schon gefunden. Den Mietvertrag hat er nicht mehr unterzeichnet.

Mehrmals täglich ruft Kurznack eine Betroffenenseite (kaupthingedge.foren-city.de) auf. Gute Nachrichten gab es bisher jedoch nur für die anderen. Großbritannien, die Niederlande, Belgien, Luxemburg, Norwegen und Finnland hätten bereits für ihre Sparer Lösungen mit Island ausgehandelt. Gestern meldete auch Österreich den Verhandlungserfolg: Kaupthing Edge zahlt alle Einlagen an die Sparer zurück.

„Ich bin zweimal der Dumme", sagt der ebenfalls betroffene Klaus Feldkeller, „als Steuerzahler komme ich für die Fehlleistungen der Banken auf. Als Privatmann bleibe ich im Regen stehen." Der 49-jährige freiberufliche Journalist wohnt in einer 60er-Jahre-Wohnung in Bornheim bei Bonn. Weiter Talblick, Computer in mehreren Zimmern. Den alten Skoda wollte er loswerden und sich vom geparkten Festgeld einen Nissan kaufen.

Stattdessen ein tägliches Wechselbad der Gefühle. Eine in Island eingerichtete Hotline ruft er zweimal an. Er wird auf Rückrufe vertröstet, die nie kommen. Im Berliner Finanzministerium spricht er telefonisch vor, vergeblich. Auf einen an Angela Merkel verfassten Sammelprotestbrief an die Bundeskanzlerin antwortet ihr Informationsamt, die Kaupthing Bank sei kein Teil der deutschen Einlagensicherung. „Das Institut hat den Sparern höhere Renditen geboten als andere Institute in Deutschland. Dafür sind die Sparer größere Risiken eingegangen."
Sind die Kaupthing-Anleger also selbst schuld? Haben sie sich freiwillig auf ein Roulette eingelassen? Klaus Feldkeller holt seinen Geldanlage-Ordner aus dem Nebenzimmer. Ganz sicher wollte er gehen. Auf sieben in- und ausländische Banken hat er sein Vermögen verteilt. Alles Festgeldanlagen. Der Kaupthing-Zins war nicht der höchste. Bei der Deutschen Bank gab es damals noch mehr. „Bis 20 000 Euro sicher", hat sich Feldkeller sowohl bei der Deutschen Bank als auch bei der Kaupthing-Bank mit Kugelschreiber notiert. Mit seinen Anlagesummen ist er stets unter der maximal vom jeweiligen Sicherungsfonds gewährleisteten Summe geblieben.

Es lohne sich noch nicht einmal, in Island Mittel aus dem Sicherungsfonds zu beantragen. Dafür müsste Kaupthing erst offiziell pleite sein, sagt Feldkeller. Aber die Bank steht nur unter staatlicher Kontrolle. Wie es ausgeht, kann er sich nicht vorstellen. Beim Bankenverband in Berlin heißt es: „Das ist nicht unsere Baustelle." Das Finanzministerium vertröstet. „Wir Online-Banker haben keine Lobby" sagt Student Alex. Und Feldkeller meint. „Man fühlt sich völlig machtlos."

Trackback URI | Kommentare als RSS

Einen Kommentar schreiben

Du musst angemeldet sein, um kommentieren zu können.