Offener Brief an die Herren Steinbrück, Glos und Frau Merkel

8. November 2008

Sehr geehrter Herr Finanzminister Steinbrück,

ich verstehe, dass Sie in diesen hektischen Zeiten ein sehr beschäftigter Mann sind. Trotzdem möchte ich mir die Mühe machen, Ihnen das Anliegen von 30880 deutschen Steuerzahlern ans Herz zu legen.

Meine Gattin und ich sind PhD Studenten an der National Cheng Kung University, Taiwan und sind jetzt seit fast 4 Wochen nicht in der Lage auf unsere Mittel zurückzugreifen. Wir sind „gefangen“ im Ausland und dürfen selbst wenn wir wollten hier, als Studenten, keiner Arbeit nachgehen. Unsere Mittel reichen nicht einmal um nach Hause zurück zu fliegen. Meine Frau kommt aus Weinkrämpfen nicht mehr heraus.

Ich lade Sie herzlich dazu ein sich unter http://kaupthing-edge.helft-uns.de/schicksale/ ein Bild von dem Schicksal anderer Betroffener zu machen. Dazu gehören Rentner, die Ihre Altersversorgung verloren haben, Alleinerziehende, die mit der Zahlung der nächsten Miete kämpfen und Häuslesbauer, die ihren Verpflichtungen nicht nachkommen können.

Leider habe ich vom Ausland aus verfolgen müssen wie Sparer als „geizig, gierig und als Zocker“ verschrien wurden. Obwohl dies nicht Ihre exakten Worte waren, haben gewisse popularistische Presseorgane Ihre Aussagen zum Anlass einer propagandistischen Hetzjagd genommen.

Ich glaube, zum jetzigen Zeitpunkt steht es außer Frage, dass die Sparer der Kaupthing Bank hf. an einem Zinsmarkt teilgenommen haben der über dem des restlichen Marktes lagen. Dazu gibt es mittlerweile ausreichend Informationen in der Presse und im Internet.

Angesichts der jüngsten Ereignisse (Barmer Ersatzkasse/Lehmann, KfW/Kaupthing, BayernLB erst 1.5 dann 6.5 Milliarden verspekuliert) ist doch eindeutig gezeichnet, dass der Sparer nicht hätte schlauer sein können als die institutionellen Anleger es ihnen vormachen und anbieten.

Ganz zu schweigen von deutschen Städten und Gemeinden, die zusammen mit namhaften deutschen Banken, den nächsten Schritt unserer Krise einläuten werden. Wie erklären Sie dem deutschen Steuerzahler, dass öffentliche Einrichtungen, bezahlt von deutschen Steuergeldern, als Cross-Border Leasing Produkte an ausländische Eigner (für 30 Jahre) verkauft wurden?

Meinen Nachforschungen zu Grunde liegend wird die ganze Angelegenheit dadurch verschlimmert das den Regulierungsbehörden, auf EU- und Bundesebene, nicht bemerkt haben bzw. nicht bemerken wollten, dass der isländische Einlagensicherungsfond hat bereits 2007 nicht den gesetzlichen Voraussetzungen genügt:

The fund does not meet with the legal requirements on total assets, which shall not be lower than 1.0% of the average insured deposit of commercial banks and savings bank in the previous year. It is therefore assumed that the fund must collect approx. ISK 2,537 million in the year 2008 from commercial banks and savings banks in order to reach the legal minimum size of the fund and in addition, the fund must issue guarantee pledge to the amount of ISK 6,045 million.”

Quelle: http://www.tryggingarsjodur.is/modules/files/file_group_26/arsreikningur%202007_enska.pdf, abgerufen am 03.11.2008 um 16.23 (GMT+8)

Frei von mir übersetzt:

Der Fond erfüllt nicht die rechtlichen Voraussetzungen an Gesamtvermögen, welches nicht weniger als 1% der durchschnittlich versicherten Einlagen von Geschäftsbanken und Sparkassen im vorhergehenden Jahr ausmachen. Es wird deshalb vorausgesetzt, dass der Fond ca. 2.537 Million ISK, im Jahr 2008, von Geschäftsbanken und Sparkassen einsammelt um die minimale gesetzliche Größe des fonds zu erreichen und zusätzlich muss der Fond eine Bürgschaft über die Summe von 6.045 Million ISK ausstellen.

Übersetzung ohne Haftung oder Gewährleistung

Zu guter Letzt möchte ich Ihre Aufmerksamkeit noch auf diese, jüngst vom Petitionsausschuß zur Mitschrift freigegebene, Petition richten:

https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=717

Diese hat seit Einstellung fast 500 Mitschriften bekommen und wird größtenteils, selbst von Skeptikern, positiv kommentiert.

Ich bitte Sie daher sich Ihrer Äußerungen nochmals bewusst zu werden und diese öffentlich zu relativieren. Machen sie ein Ende zu dieser negativen Einstellung gegenüber den geschädigten Sparern.

Des Weiteren bitte ich Sie sich öffentlich für die volle Entschädigung aller Sparer einzusetzen, wie sie es auch für institutionelle Anleger tun und gewiss für deutsche Städte und Gemeinden in Zukunft tun werden.

Geben Sie ein Signal, damit 30880 Steuerzahler endlich wieder eine Nacht durchschlafen können!

Mit freundlichen Grüßen aus Taiwan

Gleicher Wortlaut ging an den Herrn Glos und Frau Merkel raus.

Die Antworten der Herrschaften werde ich euch nicht schuldig bleiben!

2 Reaktionen zu “Offener Brief an die Herren Steinbrück, Glos und Frau Merkel”

  1. wapicapiam 9. November 2008 um 16:12 Uhr

    Besser geht kaum noch! herzlichen Dank für Deine professionelle Arbeit, und das in Eurer misslichen Lage..Hut ab!!
    Dieser offenen Brief sollte in Form einer Petition von allen Betroffenen unterschrieben werden.

  2. tomam 9. November 2008 um 18:10 Uhr

    Nachtrag:

    Im Verteiler waren folgende Pressestellen…
    ‚plusminus@br-online.de‘; ‚plusminus@hr-online.de‘; ‚plusminus@mdr.de‘; ‚plusminus@ndr.de‘; ‚plusminus@sr-online.de‘; ‚plusminus@swr.de‘; ‚plusminus@wdr.de‘; ‚zuschauerservice@br-online.de‘; ‚zuschauerredaktion@br-online.de‘; ‚radio@br-online.de‘; ‚info@br-online.de‘; ‚focustv@focus-r.de‘; ’news@rtl.de‘; ‚mail@spiegel-tv.de‘; ‚zeitiminternet@zeit.de‘; ‚DieZeit@zeit.de‘; ‚wir@sueddeutsche.de‘; ‚redaktion@sueddeutsche.de‘; ‚online@welt.de‘; ‚leser@welt.de‘; ‚leser@wams.de‘; ‚kompakt@welt.de‘; ‚redaktion@focus.de‘; ‚leserbriefe@focus-r.de‘; ‚leserbriefe@focus-money.de‘; ‚euro.leser@asv.de‘; ‚holger.wiedemann@finanzen.net‘; ‚mario.mueller-dofel@finanzen.net‘; ‚daniel.zwick@finanzen.net‘; ‚ulrich.lohrer@finanzen.net‘; ’stefan.rullkoetter@finanzen.net‘; ‚mariella.bauer@finanzen.net‘; ‚bianca.kraemer@finanzen.net‘; ‚leserservice@ftd.de‘; ‚redaktion@boersen-zeitung.de‘; ‚leserbriefe@capital.de‘; ‚D.Borchardt@vhb.de‘

    Wenn Jemanden weitere Adressen hat, so bitte ich um Weiterverteilung. Ich erhebe keinen Copyright auf diesen Brief 😉

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