Danksagung von Herbert Strazny

23. November 2008

Hallo Dirk Schwarz, Nathalie [], Jan [] und Ihr anderen Unentwegten vom Team „Helft-uns“,

nachdem sogar die „Welt am Sonntag“ die frohe Botschaft „Alle Kaupthing-Kunden erhalten  ihr Geld zurück“ verkündet hat, können Sie sich endlich an einem Sonntag zurücklehnen. Herzliche Gratulation! Die Aktualisierungen Ihrer Pressedokumentation waren in den letzten Tagen hervorragend. Ihre Aktivitäten in Recherche und Beratung waren höchstwahrscheinlich eher am Erfolg beteiligt als die Agenda 2010 am Rückgang der Arbeitslosigkeit. Nichts fürchten die Mächtigen so wie eine Öffentlichkeit, die sie nicht selbst erzeugt haben, sondern die von den Betroffenen selbst ausgeht.

Einen bitteren Beigeschmack hat die wunderbare Rettung allerdings: Die dreihundertsoundsoviel Millionen werden nicht von einem Einlagensicherungsfonds der Banken aufgebracht, in Island oder in Deutschland, sondern aus öffentlichen Mitteln in Deutschland und in den Niederlanden. Die Geschädigten erhalten also letztlich Steuermittel, die sie in Zukunft zur Deckung der zunehmenden Staatsschulden selbst aufbringen müssen. Die vier Kinder des bewundernswerten Herrn Bellmann werden ihr Erbe am Ende doch selbst verdienen müssen.

Trotz des Erfolges wäre es gut, wenn das Helft-uns-Team sein Engagement nicht sofort einstellen würde. Der Handlungsbedarf ist noch da, nicht nur im Bereich Lehman Brothers. Die Anforderungen an einen erfolgreichen Erstattungsantrag an den isländischen Einlagensicherungsfonds, die auf einzelnen Internetseiten genannt wurden, wurden ganz offensichtlich nicht vom isländischen Fonds bzw. der isländischen Regierung erhoben. Im Gegenteil: Seit den ersten Informationen seitens Kaupthingedge.de und Kaupthing.com hieß es, die Kunden sollten weitere Unterlagen (außer dem englischsprachigen Formular) erst auf ausdrückliche Mitteilung des Einlagensicherungsfonds schicken. Die Statik des Büros (3rd. Floor, Borgartúni 26, 105 Reykjavik) ist eventuell nicht zur Lagerung von 30.000 Anträgen mit allen möglichen Unterlagen ausgelegt.

Die Isländer sind offenbar nicht nur erfrischend unbürokratisch, sondern der Verzicht auf „komplette“ Unterlagen ist auch plausibel, denn Kauphtingedge hat alle notwendigen Informationen über die Kunden:

Guthabenumfang durch die eigenen Kontostandsinformationen,

Passdaten durch das Post-Identverfahren bei der Eröffnung des Kontos,

Referenzkonto durch die Einzahlung bzw. Überweisung der Anlagebeträge

E-Mail-Adresse und Telefonverbindung durch die Angaben auf dem Erstattungsantrag oder aus früherer Korrespondenz.

Es gibt meiner Ansicht nach nur einen Grund für die Falschmeldungen zu den Voraussetzungen eines „kompletten“ Antrags: Die Anwaltskanzleien, die den „Geschädigten“ für ein Honorar von 5 % vom Guthabenbetrag ihre Dienste anbieten, möchten gern komplett über ihre potentiellen Mandanten informiert sein, eventuell für den Fall, dass ein Mandant bemerkt, dass die ganze „Leistung“ der Anwaltkanzlei im Versenden des Antragsformulars bestand und bei der Honorarzahlung Schwierigkeiten macht.

Besonders in den ersten drei Oktoberwochen wurden auf Google mehrere reißerische Anzeigen von Anwaltskanzleien eingeblendet, sobald man nur das Stichwort „Kaupthing“ eingab. Die meisten dieser Anzeigen sind inzwischen aus „Google“ verschwunden, eine Auswahl habe ich jedoch gespeichert für den Fall, dass sich für die Geschädigten außer der Kaupthingbank noch eine zweite Front auftut, nämlich die Honorargier der eigenen Anwälte. Vielleicht gibt es da noch etwas zu tun für Helft-uns, denn manche von denen, die nicht in der Lage waren, das Erstattungsformular herunterzuladen, auszufüllen und abzuschicken (Einladungssicherungsfonds in Island: „by traditional mail“, also ohne Einschreiben, gar mit Rückschein) haben wahrscheinlich schon sehr früh die Nerven verloren und sich verzweifelt einer Anwaltskanzlei in die Arme geworfen.

Nochmals: Hochachtung vor Ihrem Engagement und Gratulation zur perfekten Leistung (Internetaufftritt und Beratung). Hoffentlich zahlt sich dies auch in irgendeiner Weise irgendwann in beruflicher Perspektive aus.

P.S.: Diese Zuschrift können Sie gern veröffentlichen, auch mit Namen und Anschrift. Leserbriefe schreibe ich Grundsätzlich nur mit Klarnamen.

Meine freche E-Mail [Anmerkung: Zitat gelöscht; die Sache ist geklärt, nicht mehr der Rede wert], die Sie so empört hat, steht übrigens jetzt für alle Ewigkeit in Google, obwohl sie von Ihrer Internetseite längst gelöscht ist. Google vergisst eben nichts, auch nicht den läppischen Artikel über ein Projekt „Bürgerbus“ in einer Lokalzeitung, durch den Sie mich identifiziert haben. Dass ich an der Denkschrift für den Ministerpräsidenten Johannes Rau, „Zukunft der Schule“, mitgeschrieben habe und dass das Kapitel „Haus des Lernens“ von mir stammt, muss man allerdings ziemlich suchen. Ich muss mit dem Unsinn leben, der unter dem Schlagwort „Haus des Lernens“ betrieben wird.

Herzliche Grüße

Herbert Strazny, […] Grevenbroich

Meine Antwort:

Sehr geehrter Herr Strazny,

vielen Dank für Ihre wohltuenden Worte, die wir zu unserem Glück und zu unserer Freude derzeit sehr zahlreich bekommen.

Ich sehe die Frage nach den Kosten für diese Rettung allerdings etwas anders als Sie. Schließlich hat Island keine Subventionen im Sinne verlorener Zuschüsse für die Finanzierung der Auszahlung bekommen, sondern lediglich Kredite. Diese sind bestimmt nicht geschenkt – nicht umsonst hat sich Island so lange gegen die Auszahlung der ausländischen Sparer gewehrt. Letztendlich hatte Island keine andere Wahl, denn sie waren gesetzlich dazu verpflichtet und konnten nicht länger die Blockade der IWF-Kredite und damit der wichtigen EU-Kredite in Kauf nehmen. Letztendlich werden daher wohl nicht die vier Kinder von Herrn Bellmann unsere Rettung bezahlen, sondern die Kinder, Enkel und Urenkel des isländischen Premiers Geir Haarde.

Unser Team stellt sicherlich nicht sofort die Arbeit ein. Das kann erst getan werden, wenn alle ihr Geld wieder auf dem Konto haben. Nur müssen wir zum Glück in der nächsten Zeit nicht mehr über uns selbst hinauswachsen und können die Seite endlich nebenbei betreuen.

Ich sehe das genauso wie Sie, dass die Gerüchte über die vermeintlichen Schwierigkeiten bei der Antragstelllung gezielt von jenen unseriösen google-Inserat-Anwälten gestreut wurden. Sollte es an dieser Stelle doch noch etwas zu tun geben, würden wir gerne auf Sie, Ihre Screenshots und Ihre Expertise zurückkommen.

Ihre Zuschrift werden wir sehr gerne veröffentlichen – mitsamt dieser Antwort, falls Sie zustimmen. Wir schlagen Ihnen aber vor, nur Ihren Vor- und Nachnamen zu veröffentlichen, um nicht wieder dem google-Glotzauge zu viel preiszugeben.

Übrigens: Den Beitrag zu Ihrer frechen Mail habe ich gleich gelöscht, nachdem ich die Entschuldigung an Sie für meine ebenfalls überzogene Antwort auf Ihre Mails verschickt habe. Deshalb kann ich nur noch bei google Folgendes finden: ,, ihr Antragsformular selbst nach Island zu schicken? Mit freundlichen Grüßen. Herbert Strazny. [Adresse entfernt]. Meinungen; Keine Kommentare “ Der Link dürfte aber nicht mehr existieren – bei einem Klick von mir kam lediglich noch eine Fehlermeldung. Das Google-Glotzauge mag zwar nicht vergessen, wir aber schon und das bleibt auch nicht unberücksichtigt beim Glotzauge. Ich sehe die Datensammelwut dieses Unternehmens aber genauso kritisch wie Sie: Dort werden Diskussionsfetzen und Versatzstücke von Menschen einfach nur wiedergegeben, ohne dass man die näheren Umstände und den Verlauf der Ereignisse verfolgen kann. Das Recht auf Privatsphäre wird uns in den nächsten Jahren und Jahrzehnten bestimmt noch stark beschäftigen.

Herzliche Grüße zurück,

Jan

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