Antwort an den Vorsitzenden des Deutschen Bankenverbandes, Herrn Müller

25. November 2008

Sehr geehrter Herr Müller!

In einem Artikel der Online-Ausgabe der FAZ habe ich folgendes gelesen:

„Verärgert hat sich Klaus-Peter Müller, Präsident des Bundesverbandes der deutschen privaten Banken, über die Entscheidung der Bundesregierung gezeigt.

„Ich hätte die Kaupthing-Anleger nicht entschädigt“, sagte Müller. Er halte diese „politische Entscheidung“ für falsch. Wer als Anleger 6 Prozent Rendite wolle, wo anderswo 4 Prozent gezahlt würden, müsse selbst das höhere Risiko seiner Entscheidung tragen. Es könne nicht sein, dass jeder Anleger von der Regierung herausgepaukt werde.“

Ich habe diese Zitate mit einer gewissen Fassungslosigkeit gelesen. Ich bin selbst Kunde der Kaupthing-Bank (Einlage 10.000 Euro) und gehe davon aus, dass Ihnen einige Fakten nicht präsent sind, die Sie sicher zu einem anderen Urteil hätten kommen lassen.

1) Die Kaupthing Edge Deutschland hat Ihren Kunden 5,6% auf Ihr Tagesgeld geboten, dies allerdings nur für maximal ein halbes Jahr. Danach sollten Zinsen gezahlt werden in Höhe von 0,25% über dem Leitzins der EZB, was momentan nicht einmal 4% wären.

Sie als Vorsitzender des Aufsichtsrats der Commerzbank AG sollten zudem wissen, dass Ihre eigene Online-Tochter (Comdirekt) zur Zeit mit ähnlich hohen Einstiegszinsen für die Eröffnung eines Tagesgeldkontos wirbt (5% für Neukunden bis 30.000 Euro).

2) Viele anerkannte Rating-Agenturen und auch die Zeitschrift finanz-test haben die Kaupthing-Bank als seriöse, europäische Spitzenbank bewertet. Dass ein Land wie Isalnd, das von Wirtschaftsjournalisten und Bankern auch gerne als die „Schweiz des Nordens“ bezeichnet wurde, binnen kürzester Zeit auf einen Staatsbankrott zusteuern würde und möglicherweise die garantierte Einlagensicherung nicht mehr leisten kann, ist diesen Damen und Herren offenbar nicht bewusst gewesen. Ich denke, auch Sie gehen nicht davon aus, dass der „kleine Sparer“ über ein größeres Wissen verfügen sollte als alle Ratingagenturen und die Zeitschrift finanz-test zusammen. Von einem höheren Risiko bei Kaupthing konnte also bei einer Tagesgeld-Anlage von 10.000 Euro nicht die Rede sein.

3) Zu Ihrer Forderung, dass nicht jeder Anleger von der Regierung herausgepaukt werden dürfe…

Wenn ich recht informiert bin, nutzt die Commerzbank gerade das Stabilisierungsprogramm der Bundesregierung zur Stärkung ihrer Kapitalbasis. Man könnte dies dahingehend deuten, dass sich die Commerzbank gerade von der Bundesregierung herauspauken lässt – und dies aufgrund von fehlgeschlagenen Investitionen und der umstrittenen Fusion mit der Dresdner Bank. Da denke ich unwillkürlich an das bekannte Sprichwort von denen, die im Glashaus sitzen.

Mit freundlichen Grüßen,

Peter Gitzinger

Anmerkung Nathalie: Weitere Fakten zur Kritik von K.-P. Müller (Ex-Vorstand Commerzbank)
http://kaupthingedge.foren-city.de/topic,3106,-fakten-zur-kritik-von-k-p-mueller-ex-vorstand-commerzbank.html

7 Reaktionen zu “Antwort an den Vorsitzenden des Deutschen Bankenverbandes, Herrn Müller”

  1. kempkeam 25. November 2008 um 11:58 Uhr

    Hochachtung! Gerade die Bänker sollte mal ganz leise sein! Schön, daß Du geantwortete hast.

  2. kagelam 25. November 2008 um 12:25 Uhr

    Bravo Peter Gitzinger. Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer meiner Reaktion: Ich zeihe mein Guthaben von der comdirekt und Commerzbank ab und löse unsere Depots auf. Dies wird Herrn Müller evtl. nicht jucken, aber es gibt mir die Zufriedenheit, mit den Kaupthinggeschädigten wieder einmal etwas gemeinsam unternommen zu haben.

  3. Janam 25. November 2008 um 13:24 Uhr

    Herr Gitzinger, dieser Beitrag spricht mir aus der Seele!
    Es ist eine Schande, wie sich ein Banker, der staatliche Hilfe in Milliardenhöhe für seine Bank in Anspruch nimmt, erdreistet über Tagesgeldsparer zu urteilen.
    Vor nicht allzu langer Zeit galt eine Eigenkapitalrendite von 25 % p.a. für eine Bank als ,,nobles“ Ziel und jetzt werden wir mit unseren 5,65 % (toller Verweis auf CoBa-Tochter!) als Risikoanleger dargestellt.

  4. clauss00am 25. November 2008 um 14:47 Uhr

    Bravo Herr Gitzinger!
    Sehr große Kenntnis über das Zinsangebot hat der Herr Müller nicht, aber das kann man von einem Banker auch nicht verlangen. Wenn ich mich nicht irre war es die Commerzbank des Herrn Müller, die staatliche Hilfe in Anspruch nahm.
    Aber so ist das eben in Deutschland. Den Großen wird schnellstmöglich und mit allen Mitteln geholfen, die Kleinen müssen zusehen, wo sie bleiben.

  5. dbruehlam 26. November 2008 um 10:54 Uhr

    Nur eine kurze Anmerkung: Ich selbst habe im November 2007 bei der Comdirect (die Onlinetochter der Commerzbank) Geld auf einem Anreizkonto mit 6%-Zinsen für ein halbes Jahr angelegt. Also Herr Müller, wer im Glashaus sitzt sollte nicht mit Steinen werfen … .
    D.

  6. Bertram.Meyeram 26. November 2008 um 13:08 Uhr

    ich habe in der FAZ dazu geschrieben :

    http://www.faz.net/s/Rub58241E4DF1B149538ABC24D0E82A6266/Doc~E81C295FCAB924E0B80DC334A0990AE30~ATpl~Ekom~SKom~Ak~E197706.html

    So nicht Herr Müller !

    Der Äußerung von Klaus Peter Müller will ich in schärfster Form hier widersprechen ! Ich denke, viele sind es mehr als leid, dass in solcher und ähnlicher Weise von oben nach unten getreten wird ! Solche Mechanismen funktionieren in Zeiten des Internets zum Glück nicht mehr reibungslos, da jetzt diese Plattform für alle zu Verfügung steht. Herr Müller hat in ganz anderen Dimensionen Hilfen in Anspruch genommen und Risiken mitgetragen, wird zudem für egal welche Ausgänge seines Tuns in unglaublicher Weise bezahlt – und dann solche Töne ! Mache man sich bitte ein besseres Bild von unserer Gesellschaft, auch die FAZ bitte ! (Wobei sonst im Artikel ja auch ein Stück Ausgewogenheit enthalten ist dankenswerterweise) …

    einen Link im Text zum Kaupthing Forum hat man leider rausgenommen – naja …

  7. xyzam 30. November 2008 um 05:13 Uhr

    Eine ausgezeichnete Reaktion auf die Äußerungen des Herrn Müller. Mein Respekt! Leider habe ich ihn erst jetzt gesehen. Denn ich hätte mich gerne bei meiner sehr viel kürzeren Antwort vom 26.11.08 in der FAZ.NET darauf bezogen:

    Es ist in wenig weitsichtigen Kreisen Brauch, die Konkurrenz zu diskreditieren, anstatt in den Spiegel zu sehen. Herr Müller ist offensichtlich keine Ausnahme. Sehr schäbig hier nur, es auf dem Rücken kleiner Sparer auszutragen, wo doch auch deutsche Banken das Desaster mit ausgelöst hatten, durch das so unermesslich Schaden geschehen. Die so hämisch geschmähten deutschen Kaupthing-Sparer sind auch Steuerzahler, die das Desaster verantwortungsloser Banken, die staatliche Verbürgung Einlagen deutscher Sparer unbeachtlich auch jener Rechtslage mit tragen, ohne die jetzt weithin in deutschen Landen Heulen und Zähneklappern wäre. Wenn sie nun auch noch als gierig usw. diffamiert werden, so beschimpft hier nicht etwa gar ein Esel den anderen Langohr, sondern der Esel nur sich selbst. Ihre Einlagen waren höher abgesichert, als für Kleinsparer sonst in Deutschland üblich. Die Bank war allgemein gut bewertet und der Unterschied im Absicherungssystem gut verborgen. Und keineswegs zuletzt, seit über einem halben Jahrhundert waren auch die Spareinlagen deutscher Banken sträflich miserabel abgesichert, Herr Müller, selbst Millionenbeträge, z. B. bei Immobilienverkäufen. Nur, bis dato geschah nie etwas. Das kam erst durch den Bankencrash.

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