Antwort an Hr. Ruhkamp

25. November 2008

Sehr geehrter Herr Ruhkamp,

ich bin FAZ-Abonnent, Kaupthing-Kunde und Mitarbeiter der Seite http://kaupthing-edge.helft-uns.de/ . Ich darf Ihnen zu Ihrem Kommentar gratulieren. Sie befinden sich damit in bester Gesellschaft: Der einzige ebenfalls negative journalistische Kommentar zur angekündigten Auszahlung der Kaupthing-Kunden stammt von der Zeitung „Junge Welt“ (ehemaliges FdJ-Blatt, bei dem ein ehemaliger Stasi-Spitzel Chefredakteur ist) – mit dem einzigen Unterschied, das der Artikel in ,,Junge Welt“ wenigstens einigermaßen geistreich geschrieben ist, Ihr Artikel dagegen nur noch unsachlich, verkürzend und arrogant-belehrend ist.

Ich stelle Ihnen einige Fragen und mache Ihnen ein paar Antwortvorschläge:

1. Warum konnte denn die Kaupthing-Bank überhaupt ihre Niederlassung nach Deutschland schicken, obwohl Islands Bankensystem vermeintlich längst marode wahr?
Antwortvorschlag: Die BaFin hat gepennt und die Gefahr eines Totalausfalls der Einlagen nicht gesehen, sofern sie überhaupt ihre Zuständigkeit zur Prüfung der Kaupthing Bank gesehen hat, siehe http://kaupthingedge.foren-city.de/htopic,2274,juristische+beurteilung.html

2. War Islands Bankenwesen tatsächlich so marode, dass es ersichtlich war? Der FAZ-Artikel vom 05.05.2008 schließt jedenfalls sehr versöhnlich. Empfohlen wurde Kaupthing von zahlreichen Internetportalen wie financescout24, tagesgeldvergleich.net, biallo.de, forum.de, aber auch durch zahlreiche bekannte Fachmagazine wie Capital, WiSo, ARD Ratgeber Geld, Guter Rat, etc. Dagegen gibt es – soweit ersichtlich – nur zwei kritische Beiträge: Finanztest (Artikel mir persönlich bis vor wenigen Wochen unbekannt) und Focus-Money. Dabei ist zum Focus-Money-Artikel zu sagen, dass die Funktionsfähigkeit der isländischen Einlagensicherung nicht in Frage gestellt wurde, sodass eine Anlage bis 20.887 € als sicher gelten konnte. Das wird dadurch bestätigt, dass Focus-Online in seinem Tagesgeldvergleich Kaupthing Edge trotz des kritischen Beitrags weiter als Tipp führte, wobei die gesetzliche Einlagensicherung bestätigt wurde. Damit verbleibt nur ein einziger Beitrag, der auch die isländische Einlagensicherung als unzureichend angesehen hat. Die Wahrscheinlichkeit ist daher sehr gering, dass man auf diesen Artikel überhaupt gestoßen ist, wobei die Empfehlungen renommierter Institute überwiegen. Und selbst in diesem Artikel stoßen Sie auf folgende inhatliche Relativierung der Kritik ,,Die Kaupthing Bank gehört zu den drei führenden Banken Islands und ist vor allem in Nordeuropa stark vertreten. An der Seriosität des Instituts bestehen keine Zweifel.“ Zur Wahrscheinlichkeit eines Zusammenbruchs der Bank: Die Kaupthing-Bank arbeitete solide und bis zur Verstaatlichung mit Gewinn und verfügte bis zum Tag der Kontenschließung (!) über ausgezeichnete Ratings (von Fitch, Moody’s).

3. Wollen Sie allen Ernstes behaupten, dass ich bei einem Tagesgeldkonto mit 5,65 %, dass von Deutschland aus geführt wird, den Totalausfall meiner Einlage in Kauf nehmen muss?
Antwortvorschlag: Geben Sie mir 20% Zinsen bei der Staatsbank Venezuelas und ich sagen Ihnen Ja! Den marktwirtschaftlichen Basic, dass eine neue Bank, die sich erst auf einem Markt Zutritt verschaffen muss, v.a. über den Preis Neukunden gewinnt, lassen Sie völlig außer Betracht!

4. Woher wissen Sie, welcher Anleger sich wie informiert hat?
Antworthilfe: Ich gebe Ihnen mal einen Kommentar, der das recherchiert hat: http://www.be24.at/blog/entry/616492 .

5. Warum glauben Sie, haben alle europäischen Staaten ähnlich wie die deutsche Regierung gehandelt? Warum sind die Risikovorwürfe, die uns auch von Regierungsseite bis Ende Oktober entgegen geschlagen sind, nicht nur verklungen, nein, warum hat die Regierung ihre Meinung um 180 Grad geändert? Antwortvorschlag: Es gibt zur Einlagensicherung eine entsprechende EU-Richtlinie, die auch Island als EWR-Mitglied umsetzen musste. Das hatte auch die BaFin (mindestens) zu prüfen (s. oben). Offenbar hat die Bundesregierung die Rechtsverstöße ihrer eigenen Behörde (Bundesanstalt für FinanzdienstleistungsAUFSICHT), die selbst von ,,beschränkter Rechtsaufsicht“ spricht und auf ihrer Website auf unsere ehrenamtliche Seite verweist, ( http://www.bafin.de/cln_116/nn_722552/sid_09D38231E3BC836CEC3F5CC419A8C630/SharedDocs/Artikel/DE/Service/Meldungen/meldung__081009__kaupthing__faq.html?__nnn=true ) erkannt. Wissen Sie, dass die deutsche Einlagensicherung auf der gleichen Richtlinie wie die Islands aufgebaut ist? Die deutsche Einlagensicherung läuft übrigens bei der KfW zusammen – wie es um deren Anlagestrategie und Bonität steht, brauche ich Ihnen sicher nicht zu schreiben. Es scheint, dass die europäischen Staaten erkannt haben, dass die Einlagensicherung in der EU nur auf dem Papier besteht und dies tunlichst verheimlichen wollen, um nicht eine absolute Panik auszulösen.

6. Die BaFin hat ihr Moratorium ja in unserem Interesse erlassen? Warum erfahren wir bis heute nicht, in welcher Höhe die BaFin Einlagen sichern konnte? Antwortvorschlag: Dies kann ich mir überhaupt nicht erklären.

7. Glauben Sie wirklich, dass der deutsche Steuerzahler am Ende alles bezahlen muss? Antwortvorschlag: Nein, denn es ist die Rede von einem KREDIT. Dieser wird normalerweise mit Zins und Zinseszins zurückgezahlt. Deshalb wird wohl der isländische Steuerzahler bluten müssen und zwar richtig (siehe Wirtschaftsaussichten Islands nächstes Jahr).

Ich kann nur noch einmal meine Enttäuschung zum Ausdruck bringen, dass ein solcher Kommentar in der FAZ steht. Entsprechende User-Stammtisch-Kommentare lese ich seit Wochen und das stört mich nicht mehr. Dass allerdings ein solcher Stammtisch-Kommentar eines gestandenen Journalisten in meiner Zeitung, der eigentlich qualitativ hochwertigsten Deutschlands, zu lesen war, hat mich erschüttert.

Abschließend kann ich nur sagen, dass der dritte mir bekannte journalistische Angriff gegen die Kaupthing-Kunden am 09.10.2008 (Tag der Kontenschließung) in der FTD erfolgte. Diese Meinung wurde von der FTD nicht erneuert – aus gutem Grund (s. oben). Mit Verlaub, Sie sind in Ihrer Einschätzung dem Stand der Dinge um eineinhalb Monate zurück.

Natürlich musste ich auf unserer Website auf diesen Kommentar antworten, siehe http://kaupthing-edge.helft-uns.de/2008/11/24/und-hier-die-zweite-unverschamtheit-diesmal-von-stefan-ruhkamp/ .

Ich freue mich darauf, demnächst Ihre Artikel über die Rolle der BaFin in der Kaupthing Deutschland-Geschichte sowie zur Funktionsfähigkeit der Einlagensicherung in Europa zu lesen. Ich garantiere Ihnen, wenn Sie dort mal anfangen zu recherchieren, stoßen Sie nicht auf unmündige Anleger, sondern auf einen handfesten Skandal!

Mit freundlichen Grüßen,

Jan

10 Reaktionen zu “Antwort an Hr. Ruhkamp”

  1. kagelam 25. November 2008 um 12:30 Uhr

    Das solche Kommentare in der FAZ erscheinen, ist mir völlig unverständlich. Und erschreckend. Eine sehr gute,seriöse Antwort von Jan. Seine Aussagen zur BAFIN etc. hätte ich auch gerne mal im Fernsehen gehört. Wahrscheinlich werden wir aber Herrn Ruhkamp in einer der nächsten Talkshows sehen.

  2. clauss00am 25. November 2008 um 13:19 Uhr

    Hallo Jan!
    Sehr gute Reaktion. Übrigens wurde auf der gleichen Seite der FAZ.net, wo ich dieses Machwerk lesen mußte ,eine Anzeige für Anlage in einem Windkraft-Fonds bei 7 % Verzinsung gelesen. Dieser Fonds sitzt in Deutschland! Als erwachsene Menschen dürften die Redakteure so eine Anzeige doch gar nicht unter’s Volk bringen.

  3. Luziferam 25. November 2008 um 14:30 Uhr

    Es gibt gute Journalisten – Gott sei Dank – und solche, die nach der Devise vorgehen: Ich lass mir auf keinen Fall eine gute Story durch Fakten versauen !
    Zu welche Sorte ich den Herrn Ruhkamp zähle, überlasse ich der Fantasie der Leser !

  4. ML-NRWam 25. November 2008 um 14:39 Uhr

    Handelt es sich um diesen Artikel?!

    Staatshilfe für Kaupthing-Bank

    Werdet erwachsen!
    Von Stefan Ruhkamp, 25. November 2008
    Der deutsche Anleger tritt gelegentlich auf wie die Unschuld vom Lande. Unwissend und stets guten Willens wird er von finsteren Mächten übers Ohr gehauen. Zuletzt von einem seltsamen Inselvolk aus dem Norden, das seine Kaupthing-Bank nach Deutschland schickt, um 30.000 nichtsahnenden deutschen Sparern ihr Geld abzuluchsen.
    So wird das Märchen gern erzählt, von den Geschädigten und nun auch von Finanzminister Peer Steinbrück, der zugunsten der Geschädigten der zahlungsunfähigen Bank 300 Millionen Euro springen lässt.
    18 Jahre alt und geschäftsfähig
    Die Geschichte stimmt aber nicht: Kaupthing hat den Zulauf gehabt, weil die Zinsen höher waren als die der Konkurrenz. Die Kunden konnten sich leicht informieren, wie gut oder schlecht die Sicherungseinrichtungen für den Insolvenzfall sind. Die meisten haben das auch getan, alle anderen waren schlicht fahrlässig.
    Selbst über den Grund für die hohen Zinsen musste niemand rätseln. Es gab seit gut zwei Jahren genügend Berichte über Islands marodes Bankensystem. Der Gestus mancher Anleger, die das Einspringen des Steuerzahlers für selbstverständlich halten, ist ärgerlich. Man möchte ihnen zurufen: Ihr seid 18 Jahre alt und geschäftsfähig. Werdet endlich erwachsen!

    Wenn es wirklich nur um diese Zeilen geht, dann halte ich die Antwort für etwas „über das Ziel geschossen“.
    Letztendlich handelt es sich bei der gemachten Aussage schlichtweg um Tatsachen. Warum soll denn jetzt wieder auf alles „geschossen“ werden, was sich bewegt. Ich dachte hier würde es auch um Ruhe und Vernunft gehen…

    Anmerkung: JA

  5. ML-NRWam 25. November 2008 um 16:19 Uhr

    Auch auf die Gefahr hin, dass ich nerve…

    Es wäre schön gewesen, wenn die Antwort vielleicht auch den europäischen Auftrag erwähnt hätte, nach dem die europäischen Staaten zu Investitionen in Island aufgefordert waren…
    Und um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, den Satz, dass es seit gut 2 Jahren genug Berichte über das marode Bankensystem Islands gab, kann ich definitiv nicht nachvollziehen!

    Wenn ich mir die Kommentare zu den einzelnen Artikeln auf FTD, FAZ etc. anschaue und was sich in meinem Kollegen- und Bekanntenkreis abspielt, dann steht für mich fest, dass die Masse kein Interesse an unserem Problem hat und nur zu willig den selbsternannten Führern hinterher läuft und diese dann auch noch falsch zitiert.

    Lasst uns lieber konzentriert und sachlich argumentieren und arbeiten. Der Termin für die Rückzahlung steht noch nicht fest und das Geld ist ebenfalls bei keinem Geschädigten auf dem Konto.
    Ich glaube, dieses sollten unsere Ziele sein!
    Die Abrechnung können wir dann in aller Ruhe und mit aller Gelassenheit bereiten.

    PS. Ich mag vielleicht ja auch ein wenig sensibel sein, aber muss man mich denn gleich Anschreien… 🙂

    Anmerkung: Das war keine Pressemitteilung im Namen aller. Das war ein Brief einer Einzelperson.

  6. Janam 25. November 2008 um 16:37 Uhr

    @ ML-NRW: Das ist meine Mail, die ich an die FAZ-Redaktion z.H. Hr. Ruhkamp geschickt habe.
    Der Kampf um die Meinung ist ein Kampf um die Medien. Wo wären wir denn, wenn wir keine Presseinfos herausgegeben, keine Eingaben bei Herrn Beckmann gemacht, keine Kommentare unter die Internet-Artikel geschrieben hätten und wenn Karlheinz Bellmann nicht nach Island gereist wäre? Nämlich im Presse-Archiv.
    Deshalb werde zumindest ich, genau aus diesem Grund, weiterhin Entstellungen in der Öffentlichkeit sachlich, aber dem Ton der Kritik gegenüber uns angemessen, entgegen treten, bis wir unser Geld wieder auf dem Konto haben. Danach ist es mir völlig egal, wie einer im Nachhinein unsere Geschichte sieht.

  7. Dirkam 25. November 2008 um 16:39 Uhr

    wir werden weiterhin unsere Arbeit in dem Stile fortsetzen wie schon in der Vergangenheit, und da gehört es auch dazu sich genen solche denunzierenden Artikel zu wehren! Klappern gehört eben zum Geschäft! Mit einem Messer im Rücken gehen wir noch lange nicht nach Hause!

  8. Maeusefalleam 25. November 2008 um 18:42 Uhr

    Klasse geschriebene Antwort zu dem FAZ-Artikel.
    Kompliment!

  9. mikethespikeam 25. November 2008 um 20:50 Uhr

    da vermutet wieder einmal jemand die mehrheit der bundesbürger hinter sich und verzapft, ohne sich mit den fakten vertraut zu machen, stammtischparolen!
    ich bin es leid, immer den gleichen unsinn lesen zu müssen.
    wenn teile unserer abgeordneten solchen unsinn von sich geben muss es die presse noch lange nicht tun!
    Ich habe den eindruck, dass hier nur noch – auf teufel komm raus – provoziert wird.

    wo war denn ein herr ruhkamp, als unsere frau bk merkel für die einlagen garantiert hat?

    hätte sich da herr ruhkamp nicht sofort in der faz zu wort melden und die unmündigen ke-sparer wachrütteln müssen mit einem geistreichen kommentar a la

    „achtung!!!! gilt nicht für ke-sparer. ke geht die nächsten tage unter!!!!!“

    ich habe zu der zeit nichts von ihm gehört bzw. gelesen!
    jetzt schreibt er, er hätte es gewusst. warum hat er um gottes willen nichts gesagt?

    hat er zu der zeit etwa schon an seinem kommentar getüftelt, den er uns nachdem das „kind in den brunnen gefallen ist“ um die ohren haut!

    dann kann ich nur sagen „vielen dank“

    mikethespike

  10. Bertram.Meyeram 26. November 2008 um 11:26 Uhr

    hervorragende antwort !

    selten liest man derart formal und inhaltlich qualitative texte. bestens fundiert, natürlich top informiert – der faz autor müßte, wenn er ein wenig format auch nur hat a) im boden versinken und b) eine reaktion bringen, die zumindest den schaden, den er da verursacht hat, ein wenig repariert. das würde ich dann noch gelten lassen. alles andere disqualifiziert eher. auch seine zeitung übrigens. sehr schade. ich bevorzuge übrigens die zeit, nur mal hierbei angemerkt. ok : ist keine tageszeitung …

    ich schau dann mal, ob ich einen ähnlichen kommentar noch bei der faz anbringen kann (steht das im netz ? ich schau jetzt) …

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