WELT lernt es nicht: Wir stehen anscheinend immer noch auf der roten Liste

22. Dezember 2008

[…]

Mit steigender Rendite wächst auch das Risiko

„Die Blase der Finanz-Alchimie ist geplatzt“, sagt Alfred Roelli, Chefanlagestratege des Vermögensverwalters Pictet. Viele Investoren glaubten in den vergangenen Jahren die Gesetze der Finanzmathematik außer Kraft setzen und dauerhaft hohe Renditen ohne Risiko erzielen zu können. Doch 2008 wurde vielen auf brutale Weise wieder klar: Je größer die Renditeaussichten, desto größer ist auch das Risiko. Diese Weisheit ist so alt wie die Börsen. Und dennoch haben sie auch viele Sparer beiseitegeschoben, als sie beispielsweise bei Tagesgeldangeboten nach immer besseren Verzinsungen suchten, ohne dabei die Gefahren zu beachten. „Anlagen sind durch die isländische Einlagensicherung gesichert“ versprach die Kaupthing Bank – und die Sparer gaben ihr bereitwillig ihr Geld, ohne auch nur einen Moment die Logik zu bemühen und zu fragen, was die Einlagensicherung eines Staates mit 300 000 Einwohnern überhaupt leisten kann. Nach der Pleite der Bank können die Anleger nun nur deshalb darauf hoffen, ihr Geld zurückzuerhalten, weil die Bundesregierung einspringt, über einen Kredit an den isländischen Einlagensicherungsfonds. Wie dieser dieses Geld je zurückzahlen soll, ist eine Frage. Warum die deutsche Regierung die Sorglosigkeit der Sparer noch belohnt, eine andere.[…]

Quelle: http://www.welt.de/wams_print/article2911998/Das-Ende-der-Ueberflieger.html

Meinung Jan: Dazu fällt einem langsam echt nichts mehr ein. Schön, dass manche oberschlauen Journalisten uns HINTERHER über irgendwelche angeblich absehbaren Risiken aufklären und vorher Kaupthing in ihren Online-Tagesgeldvergleichen auf Platz 1 listen und gleichzeitig vor Inflationsverlusten warnen. Einige Journalisten scheinen nichts von Wirtschaft zu verstehen und können zu diesem Thema nur einfachste „1+1=2“-Formeln („Hohe Zinsen=hohes Risiko“) wiedergeben und schwamming formulieren („verzockt“, „Rettungspaket“, „Staatshilfe“, „Rettungsschirm“, „Geld in den Markt pumpen“). Komplexe Zusammenhänge scheinen diese Leute nicht darstellen zu können. Wie Wirtschaft wirklich funktioniert, scheinen sie nicht zu verstehen. Warum wird verschwiegen, dass IN JEDER BRANCHE mit Angeboten, die besser als der Marktdurchschnitt sind, um Neukunden geworben wird (ganz normaler Vorgang)? Warum wird verschwiegen, dass Banken seit über einem Jahr Schwierigkeiten haben Geld zu bekommen (Vertrauenskrise), deshalb der Zinssatz am Interbankenmarkt äußerst hoch ist und deshalb die Banken gezwungen sind, bei Privaten Geld einzusammeln, um sich zu refinanzieren (aus dieser Not kommen v.a. die ,,hohen“ Zinsen) ? Warum fehlt, dass wir gerade in einer der schlimmsten Bankenkrisen seit Jahrzehnten sind, in der es jede Bank treffen kann – galt sie vorher auch noch so seriös und unsinkbar (z.B. Lehman, Bear Stearns, Merrill Lynch, Royal Bank of Scotland, Citigroup, Commerzbank, etc., etc., etc.)? Warum wird verschwiegen, dass der Einsatz des britischen Anti-Terror-Gesetzes auch gegen Kaupthing der Bank den Zugriff auf ihr Vermögen in GB unmöglich gemacht hat (zusammen mit einem Banken-Run der Todesstoß für jede Bank)? Ich möchte doch gerne mal von diesen Leuten wissen, ab welchem Tagesgeld-Zinssatz sie das Risiko eines Totalverlusts der Einlage eingepreist sehen – und warum? Ab 0,5%? Ab 2%? Ab 4,5%? Ab 5%? Ab 6%? Liegen zwischen 5% (DiBa), 5,55% (damaliges Tchibo Neukunden-Angebot Commerzbank-Tochter) und 5,65% (begrenztes Neukunden-Angebot Kaupthing) solche Welten? Das finde ich lachhaft! Solange vernünftige Antworten auf diese Fragen ausbleiben, kann man auch solche (völlig verspäteten) Ratschläge und Belehrungen getrost vergessen.

3 Reaktionen zu “WELT lernt es nicht: Wir stehen anscheinend immer noch auf der roten Liste”

  1. oertheedgeam 22. Dezember 2008 um 19:26 Uhr

    Sehr gute Entgegnung, Jan!

  2. xyzam 23. Dezember 2008 um 11:33 Uhr

    Ich möchte mich dem anschließen. So langsam geht einem die Puste aus, bei der Reaktion auf diese (ich bitte um Entschuldigung) saudumm-moralinen Wiederholungen der Gegenseite. Es erinnert an das Ableiern von Rosenkränzen.

    Aber wir sind nicht die Zielgruppe. Zielgruppe jener Schreiberlinge sind die übrigen, zumeist nicht informierten deutschen Sparer. Die Absicht ist Meinungsmache für deutsche Banken mittels der Methode Verunsichern durch Angst einjagen. Es gibt eben genug hoffnungslose Fälle, bei denen es auch gelingt. So treibt man die Schafe ins Gatter. Ein Motiv auch nicht zuletzt, das typisch deutsche Grundverhalten: Jeder für sich und Gott gegen alle.

    Um Weihnachten gehen gewiss viele Lichter auf. Aber generell ist noch nicht aufgegangen, dass auch die deutschen Sparer ohne die Sicherheitsleistungen der Regierung (die wir Kaupthing-Sparer als Steuerzahler mit gewähren) nicht anders dagestanden hätten, wie wir. Ohne diese Maßnahme wäre landesweit Heulen und Zähneklappern gewesen und auch unsere deutschen Banken würde man gemeinsam mit der Kaupthing in jener Ecke sehen, in der sie auch hin gehören.

    Das Feilschen um 0,5-1 Prozentpunkte, ab denen der man ein verantwortungsloser Zocker ist und ab darunter ein kluger, weitsichtiger, ehrlicher Sparer, ist nicht mehr zu unterbieten. Diese Doktor-Eisenbart-artigen Tiraden sind allzu dümmlich. Schließlich folgt man auch bei Geldanlagen und gerade dort der Regel von Angebot und Nachfrage und legt sein Geld immer bestmöglich an. Unseriös kann nur ein Angebot sein, das dabei Risiken verbirgt. Die Kaupthing hat es getan, aber die meisten anderen Banken auch. Da lässt jetzt nur ein Teufel den anderen als Beelzebub beschimpfen.

    Warten wir es ab, nach dem Gesetz der Serie wird auf dem Geldmarkt noch einiges auf uns zu kommen. Und ob dann die Regierung noch weiter so potent sein wird, wie bisher einzuspringen, bleibt abzuwarten. Da hilft im Zweifelsfall auch kein Einlagensicherungsschutz. Wo nichts mehr zu holen ist, hat selbst der Kaiser sein Recht verloren.

    Auch nicht zuletzt: Die bisherige Höhe der Einlagenabsicherung war schon immer unzureichend und der Gesetzgeber hätte schon vor Jahrzehnten abhelfen müssen, tut es immer noch nur ungenügend. Wie kann man denn unter der heutigen Wirtschaftslage noch etwas von höherem Wert veräußern, z. B. eine Immobilie, ohne dass man sich anbetracht dieser miserablen Absicherung unwägbaren Risiken aussetzt. Da bleibt man doch vorsorglicherweise besser bei Sachwerten und schiebt seine Ersparnisse unter das Kopfkissen.

  3. GMasterBam 7. April 2009 um 17:29 Uhr

    Dem kann ich nicht ganz zustimmen. Es sollte jedem bekannt gewesen sein dass der isländische Einlagensicherungsfonds (gestützt von nicht mal einer Hand voll Banken) im Kisenfall nicht funktionieren kann. Wer auch nur etwas vor seiner Kontoeröffnung recherchiert hatte musste darauf aufmerksam werden. Auch um die finanzielle und wirtschafltiche Situation in Island die nicht gerade berauschend war/ist.

    Wer in diesem Umfeld sorglos investiert hatte ist meiner bescheidenen Meinung nach – selbst schuld.

    Es gab/gibt genügend Banken die ähnlich hohe Zinsen versprachen und dem Fonds des BDB angehören.

    so long, and thanks for all the fish

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